Kaschgar (قەشقەر‎/喀什), China / Kashgar (قەشقەر‎/喀什), China

23. – 26. September 2010 / September 23 – 26, 2010

Die verbleibenden 75 Kilometer nach Kaschgar habe ich in drei Stunden hinter mir. Auf einer breiten, vierspurigen Straße fahre ich in Kaschgar ein. Ich bin überwältigt, überfordert: überall neue Gebäude mit Metall- und Glasfassaden, alles ist modern, bunt. Wie ein Außerirdischer, wie ein Dinosaurier komme ich mir vor, ein Relikt aus vergangener Zeit. Die letzten Wochen habe ich in unwirtlichen, menschenleeren Gegenden verbracht, jetzt stehe ich in einer Großstadt, in einem Meer von Motorrollern, Autos und Menschen, Reklametafeln und Beschriftungen! Ich verliere jegliche Orientierung, alles sieht gleich aus. Ich bin umgeben von einer Sprache und Schrift die mir völlig fremd sind, bin verunsichert, weiss nicht wohin ich gehen soll. Ich erkenne ein Hotel an den Uhren über der Rezeption, angeschrieben sind 388, 688, 888 Yuan – die Preise sind astronomisch, höher wie in Europa! Stundenlang laufe ich durch Kaschgar, ich fühle mich verloren wie noch nie in meinem Leben.
Wieder sehe ich Uhren über einer Theke, sie zeigen Peking, Tokio und New York an. Ich fasse mir ein Herz, trete an die Rezeption. Ich frage zuerst auf Englisch, dann Russisch und bekomme jeweils eine chinesische Gegenfrage. Sprachlich scheine ich nicht weiterzukommen, ich versuche es mit Gestik. Ich mache die Schlafen-Geste, gefaltete Hände an meiner Wange, geschlossene Augen, schiefgestellter Kopf. Die Antwort, wieder auf Chinesisch, ich verstehe nicht einmal, ob sie positiv oder negativ ist! Es ist frustrierend, für beide Seiten. Mehrere Minuten reden wir an einander vorbei, ich verstehe immer weniger. Schließlich hat die Hotelangestellte eine Idee: sie ruft ihre Tochter, eine Teenagerin im Schuluniform-Trainer erscheint. Sie hat ihr Mobiltelefon mitgebracht. „One room sleeping, how much“, frage ich. „50 Yuan“, die Antwort. Ich bin begeistert, endlich vernünftige Preise. „One night, 50 Yuan, ok?“, frage ich. „Yesyes, 50 Yuan“, die Antwort. Wieder mache ich die Schlaf-Geste, dann wiederhole ich die Frage „one night 50 Yuan?“ Sie tippt in ihr Handy, zeigt mir das Ergebnis, ich lese „deposit“ – aha, auch noch Sicherheit muss ich hinterlegen – naja, von mir aus, das ist mir jetzt auch gleich. Sie tippt auf den Taschenrechner „50 + 200“, die 200 sind also die Sicherheit, macht 250 Yuan in bar. Ich bezahle und gehe aufs Zimmer. Ich kann es kaum erwarten endlich zu duschen, meine letzte Dusche hatte ich vor mehr als zwei Wochen in Dschelondi.
Sauber und in frischen Kleidern gehe ich aus dem Hotel. Ich habe Hunger, mir ist fast schwindlig. Ich finde ein Fastfood-Restaurant, bestelle Burger. Ich bin erschöpft, muss aber lachen: ich sitze in Kaschgar, verdrücke einen Burger, es ist einfach absurd! Meine gute Laune hält aber nur kurz an. Zurück im Hotel will mir die Rezeptionistin die Zimmerschlüssel nicht zurückgeben! Ich protestiere, verstehe die Welt nicht mehr. Nach kurzem Wortwechsel begleitet sie mich auf das Zimmer, gefolgt von zwei uigurischen Hotelangestellten. Sie sehen meinen ausgebreiteten Schlafsack, den Pamirteppich, meine gewaschene Kleidung, die ich zum Trocknen aufgehängt habe. „You go“, befielt der Uigure. Ich verstehe nicht ganz. „I sleep here“, sage ich. „Sleeping not possible“, erwiedert der Uigure. Ich bin perplex, ich wiederhole meine Absicht, hier zu übernachten. „Sleeping not possible, you go“, ist die Antwort. Zwischenzeitlich habe ich die 200 Yuan zurückerhalten, jetzt bekomme ich auch noch die 50 Yuan Zimmerpreis zurück, „Sorrysorry, not possible“ höre ich. Plötzlich verstehe ich: ich bin in einem Stundenhotel, mein Zimmer ist ein „oclock room“ wie es hier heißt! Mir bleibt nichts anderes übrig, als das Zimmer zu räumen!
Es ist dunkel auf den Straßen Kaschgars. Hundert Meter weiter, erneut ein Hotel. Diesmal ist Doppelzimmer möglich, für die ganze Nacht!
Ich spaziere durch den Basar, da treffe ich auf Mikael, Aurélien und Heloise! Mikael hat mehrere Tage gebraucht um sein Rad mit gebrochener Hinterachse von Karakul nach Kaschgar zu SCHIEBEN. Sein Rad ist jetzt auf der Reparatur. „In Kaschgar gibt’s alles“, das war ein „running gag“ bei unserer Fahrt durch den Pamir – und tatsächlich, wir finden hier alles was das Radlerherz begehrt: Original-Ersatzteile, LX, XT. Wir verabreden uns zum Essen auf dem Nachtbasar vor der Moschee. Abends schlendern wir zu viert durch die Stände, überall wird probiert. Wir stossen mit chinesischem Reisschnaps an, ein 57-prozentiges Feuerwasser mit ähnlichem Geruch wie Fleckbenzin. Wir haben den Pamir hinter uns, die turkmenische Wüste! Wir sind euphorisch, endlich sind wir in China!
Ich denke über die weitere Routenplanung nach, dabei ist mein China-Visum (nur einen Monat gültig) ein Hindernis, ebenso der bevorstehende Winter. Meine geplante Route würde mich durch die Taklamakan führen, 2000 km durch die Wüste, mit wenig Chancen mein Visum zu verlängern. Danach (angenommen, ich hätte verlängern können) stünde mir die Qinghai-Hochebene bevor und das im November! Auf Kälte, Schneefall und schneidenden Wind wie in Tadschikistan und Kirgistan habe ich keine große Lust. Ich überlege hin und her, über die Weiterfahrt durch Westchina und die damit verbundenen Nachteile. Einzige Alternative ist der Karakorum-Highway nach Pakistan. Ich bespreche meine Gedanken mit Aurélien und Heloise, worauf sie mir die Geschichte eines belgischen Radfahrers erzählen, der im Sommer spurlos in Pakistan verschwunden ist. Ich bin schockiert, Pakistan schein unmöglich zu sein! Neben der Flutkatastrophe, dem unterbrochenen Karakorum-Highway, dem Krieg gegen die Taliban verschwinden auch noch Touristen!
Am Sonntag, dem 26. September treffe ich meine Entscheidung. Ich schreibe dem österreichischen Botschafter in Islamabad, mein Reiseziel habe ich fixiert: Pakistan! Ich habe vier Tage für die chinesische Seite, dann ist Nationalfeiertag und die Grenze bleibt für eine Woche geschlossen.

I meet Mikael, Aurélien and Heloise in the bazar. We exchange stories, Mikael had a hard time pushing his bikes for days! I also have an interesting story to tell: without knowing I checked in a hotel that charges by the hour!

Camp am Morgen / camp in the morning

Camp am Morgen / camp in the morning

Camp am Morgen / camp in the morning

Straße nach Kaschgar / road to Kashgar

30 Kilometer vor Kaschgar muss ich auf eine vierspurige Schnellstraße wechseln. Ich bin beeindruckt von der chinesischen Infrastruktur – die Straßen sind nagelneu und in bestem Zustand!

30 kilometers from Kashgar I have to switch to a 4-lane highway. I am impressed by Chinese roads: they are brand new and in perfect conditions!

Blick aus dem Hotelzimmer / view from hotel room

Blick aus dem Hotelzimmer / view from hotel room

Blick aus dem Hotelzimmer / view from hotel room

Hotelzimmer – diesmal werde ich nicht rausgeworfen!

My second hotel room: no „oclock-room“ this time!

Feuertopf-Restaurant / hot pot restaurant

Feuertopf-Restaurant / hot pot restaurant

Feuertopf-Restaurant / hot pot restaurant

Advertisements

Eine Antwort to “Kaschgar (قەشقەر‎/喀什), China / Kashgar (قەشقەر‎/喀什), China”

  1. If you are interested in topic: how to earn online violin teacher
    – you should read about Bucksflooder first

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: