Sari-Tasch (Сары-Таш), Kirgistan / Sary-Tash, (Сары-Таш), Kyrgyzstan

16. – 18. September 2010 / September 16 – 18, 2010

Ich schlafe schlecht, die Nacht ist sternenklar und kalt, der eisige Wind dringt in meinen Schlafsack. Ich bleibe so lange liegen bis die Sonne über den Bergen steht und ich mich aufwärmen kann. Christine, Pete und Andy sind schon weitergefahren, sie möchten es vor Sonntag über die Grenze nach China schaffen. Ich lasse mir Zeit, bin erschöpft und hungrig. Mein Benzinkocher erlischt mehrere Male, der Wind ist gnadenlos. Es dauert eine Ewigkeit, bis das Wasser zu kochen beginnt, ich esse zwei Packungen Instantnudeln zum Frühstück, meine letzten Vorräte.
Am späten Vormittag fahre ich zum kirgisischen Grenzposten in Bor Dobo. Die Formalitäten sind schnell erledigt, bleibt noch die Kontrolle durch die Rauschgiftpolizei. Ich klopfe an die Tür, höre dass im Zimmer ein Film läuft, es klingt nach einem russischen Actionstreifen. Die Tür geht auf, es folgt ein kurzes Gespräch mit dem Beamten, ich zeige meinen Pass, er seinen Polizeiausweis. Abdijew Akilbek kommt aus Osch, verrichtet aber jährlich mehrere Monate Dienst an der Grenze zu Tadschikistan. Ich werde ins Zimmer gewunken, soll am Boden Platz nehmen. Am Bettpfosten lehnt eine Kalaschnikow. Im Regal sehe ich den Fernseher und mehrere Wodkaflaschen, in verschiedenen Größen. „Der hier ist sehr gut, Ataman, kommt aus Kirgistan“, meint er, während er prüfend eine Flasche in die Hand nimmt, „und der hier, mit dem Adler, noch besser, aus Bischkek“. Ich nicke beipflichtend. „Wie wärs, wir genehmigen uns den Ataman?“ –  Abdijew lächelt. Ich überlege: „Warum eigentlich nicht? Nach Sari-Tasch, meinem heutiges Tagesziel, sind es nur 20 Kilometer. Außerdem lebe ich eh abstinent genug“. Wir trinken auf unsere Freundschaft, Kirgistan, die Stadt Osch, auf seine Familie. Nach einer halben Stunde bin ich schön angetrunken, die Flasche Ataman ist leer. Ich möchte aufbrechen, da meint Abdijew: „Komm, Zeit fürs Mittagessen!“ – ich folge bereitwillig, mit knurrendem Magen, mein Kopf heiß vom Alkohol. Im Speisesaal sitzen schon die anderen, es werden leckere Manti serviert. „Wenn Du in Osch bist, besuche mich, ich mache Dich mit ein paar Mädchen bekannt“ , sagt Abdijew zum Abschied. Unter dem Grinsen der Soldaten steige ich auf mein Rad und fahre durchs Gatter. Ich bin sternhagelvoll.
Kurz vor Sari-Tasch – mein Rausch ist immer noch nicht verflogen – treffe ich auf einen Kirgisen mit Pferd und Anhänger. Er gestikuliert, aus seinem Kauderwelsch verstehe ich nur die Worte „Kirgistan“, „Freund“, „vorwärts“, „Foto“. „Ich soll ein Foto von dir machen?“, frage ich. Er spannt den Wagen vom Pferd, macht mehrere Male die Geste, ich solle auf sein Pferd steigen. Aha, ICH soll aufs Pferd steigen, ER macht ein Foto. Ich stelle mein Rad an den Straßenrand, danach werde ich vom Kirgisen aufs Pferd gehoben, er scheint begeistert und ungeduldig. Ich bin erstaunt wie hoch ich sitze, wie anders ist die Perspektive von hier oben. In diesem Moment lässt der Kirgise die Zügel los. Das Pferd dreht sich, dann trabt es los! Panik kommt in mir hoch, schlagartig bin ich nüchtern. Ich kralle mich an die Zügel, ich brülle das Vieh an, auf deutsch, russisch, ohne Erfolg. Ich ziehe an den Zügeln und zu meinem Schrecken wechselt das Tier in den Galopp! Rhythmisch fliege ich durch die Luft, ich lande hart im Sattel. Ich bekomme gewaltig den Hintern versohlt. Mein Hintern ist aber momentan mein kleinstes Problem, nur mit Not schaffe ich es, nicht vom Pferd zu fallen. Mit aller Kraft halte ich mich fest, zwei Meter unter mir der steinigen Straßengraben, der in wahnsinniger Geschwindigkeit an mir vorbeizieht. Abspringen kommt nicht in Frage, ich würde mir alle Knochen brechen. Ich habe Todesangst, plötzlich muss ich an meine Eltern denken. Betrunken in Kirgistan von einem Pferd gestürzt, wie dumm, wie sinnlos. Minutenlang dauert der Höllenritt, meine Hände sind aufgeschürft, blutig. An einer Weggabelung wird das Tier endlich langsamer, es ist unschlüssig. Ich wittere meine Chance, schlüpfe aus den Steigbügeln und gleite vorsichtig vom Sattel ohne die Zügel loszulassen. Ich habe es geschafft, ich habe überlebt!
Mir fällt wieder ein, dass ich mein Fahrrad beim Kirgisen zurückgelassen habe, meine ganze Ausrüstung, Bargeld, einfach alles. Ich habe ein ungutes Gefühl, ich bin alarmiert. Einzig, der Gaul bewegt sich nicht als ich zurückgehen möchte. Ich ziehe an den Zügeln, das Pferd zeigt mir die Zähne, sträubt sich, stemmt sich gegen mich. „Ich muss zurück zu meinem Scheißrad, Du Scheißgaul!“, fluche ich. Ich zerre das Pferd an den Zügeln die Straße zurück. Ich brauche eine Stunde, bis ich den Kirgisen erreiche, der neben Anhänger und meinem Fahrrad steht, als wäre nichts passiert. Ich übergebe ihm die Zügel, froh, den Teufel los zu sein. „So reitet man, so hält das Pferd, so lenkt man, so, so!“, sagt der Kirgise, der schon wieder im Sattel sitzt. Dann macht er die Geste des Kehle-Durschneidens, sagt, ich solle mit ihm nach Hause kommen, ich sei jetzt sein Ehrengast, er würde eine Ziege schlachten. Er deutet auf den freien Platz im Sattel hinter sich. Auf Reiten habe ich absolut keine Lust, aufs Kehle-Durchschneiden ebensowenig. Ich winke ab, bin froh heil davongekommen zu sein, ich brauche heute keine weiteren Abenteuer. Mit einer Handbewegung hat er seinen Karren wieder angehängt und schon ist er fort. Ich inspiziere mein Fahrrad, im ersten Moment scheint alles in Ordnung. Dann bemerke ich den verdrehten Lenker, auch die Kette ist draußen. Jetzt sehe ich auch, dass eine Tasche offen ist, der Wasserfilter fehlt! Der verrückte Kirgise hat versucht mein Rad zu fahren, ist gestürzt und hat anschließend meinen Wasserfilter geklaut!

My first day in Kyrgyzstan: I drink Vodka with the border police until I am completely drunk. A Kyrgyz horseman convinces me to get on his horse – a decision I pay with my water filter and almost with my life. Today is the craziest day of my trip so far!

Golden rule: Don’t drink and ride!

Camp auf kirgisischem Niemandsland / camp in no man’s land

Camp auf kirgisischem Niemandsland / camp in no man’s land

Straße nach Sari-Tasch / road to Sary-Tash

Landschaft bei Sari-Tasch / landscape near Sary-Tash

Blick zurück zum Kizil-Art / looking back towards Kizil Art

Kirgise in Sari-Tasch. Er stielt meinen Wasserfilter während sein Gaul mich fast umbringt!

Kyrgyz horseman who stole my waterfilter and while his horse almost killed me!

Somsa und kirgisisches Bier / somsa and Kyrgyz beer

Somsa-Restaurant / somsa restaurant

Proviant für die Weiterfahrt / I stock up on food

Sari-Tasch / Sary-Tash

Sari-Tasch / Sary-Tash

Gostiniza in Sari-Tasch / guest house in Sary-Tash

Sari-Tasch / Sary-Tash

Gostiniza in Sari-Tasch / guest house in Sary-Tash

Gostiniza in Sari-Tasch / guest house in Sary-Tash

Sari-Tasch / Sary-Tash

Gostiniza in Sari-Tasch / guest house in Sary-Tash

Sari-Tasch / Sary-Tash

Sari-Tasch / Sary-Tash

Sari-Tasch / Sary-Tash

Sari-Tasch / Sary-Tash

Sari-Tasch / Sary-Tash

Somsa-Restaurant in Sari-Tasch / Somsa restaurant in Sary-Tash

Sari-Tasch / Sary-Tash

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Eine Antwort to “Sari-Tasch (Сары-Таш), Kirgistan / Sary-Tash, (Сары-Таш), Kyrgyzstan”

  1. Martin Mairinger Says:

    Hallo Harry – Schön wieder was von Dir zu lesen. Wir haben uns damals in Bukhara getroffen (Mongol Rally) – Haben uns schon Sorgen gemacht, da dein blog plötzlich in Usbekistan aufgehört hat. Sehe jetzt dass du zeitverzögert postest – Wo bist du grade? Wünsche Dir noch alles gute und immer genug luft im reifen!

    Martin

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