Duschanbe (Душанбе), Tadschikistan / Dushanbe (Душанбе), Tajikistan

20 – 24. August 2010 / August 20 – 24, 2010

Am Freitag morgen, kurz nach acht Uhr, stehe ich vor der chinesischen Botschaft. Ich bekomme vom Wachpersonal ein Antragsformular ausgehändigt und beginne es auszufüllen. Ohne mir weitere Gedanken zu machen kreuze ich an: „double entry – stay up to 90 days – three months validity“. Bei der Bearbeitungsdauer wähle ich „express“ und hoffe, am Montag mein Visum abholen zu können. Nach einer Stunde Wartezeit und der obligatorischen Sicherheitskontrolle werde ich zum Schalter gebeten. Ich reiche meinen Antrag, Passphotos und Reisepass durch die Öffnung im Panzerglas. Die Botschaftsangestellte blickt ungläubig auf meinen österreichischen Exotenpass, dann auf mein Formular. Sie runzelt ihre Stirn, zückt einen Kugelschreiber und mit Schrecken sehe ich, wie sie beginnt mein Formular durchzustreichen! „Double entry“ – nicht möglich! „Stay up to 90 days“ – gibt es nicht! „Three months validity“ – nein! Einzige Möglichkeit ist ein einfaches 30 Tage Visum, Einreisefrist ein Monat ab Ausstellungsdatum, an „express“ ist nicht zu denken. Eingeschüchtert nehme ich die Bedingungen an, mir bleibt auch nichts anderes übrig. Auf meine Frage, warum in Taschkent ein 90 Tage Visum „same day“ möglich ist antwortet sie kurz: „Because these are our rules!“ Der Fall ist klar, hier bringt mich diskutieren keinen Millimeter weiter. Ich möchte schon gehen da ruft sie mir nach: „On monday you bring me a confirmation of your hotel, stating purpose and duration of your stay in Tajikistan!“ Vor der Botschaft muss ich zuerst tief durchatmen. Martín hat sein drei Monate gültiges China-Visum ohne Probleme innerhalb von einem halben Tag in Taschkent organisiert, ich stehe nun in Duschanbe und benötige eine Bestätigung von meinem Hotel – ausgerechnet dem Hotel Wachsch!
Das Hotel Wachsch ist ein Relikt aus der Sowjetzeit, ein Bau mit üppig-zuckriger Stuckatur und Innenräumen die an Hochzeitstorten erinnern. Mit schlafenden Etagenfrauen die geweckt werden müssen, wenn man eine Kanne Kipjatok braucht. Ein Hotel aus einer anderen Zeit, mit Rattenfallen im Korridor, vielleicht in Würde gealtert, auf jeden Fall aber mit Charakter. Die meisten Westler halten es hier nicht lange aus, ziehen schnell weiter zu Pfannkuchen und Nescafé. Ich bleibe für fünf Nächte im Wachsch, sicher aus Bequemlichkeit, aber auch, weil die Atmosphäre mir zusagt. Das Hotel Wachsch ist ein Dinosaurier, ein Original!
Am Samstag habe ich mich von meinem Botschaftsbesuch erholt. „Neuer Tag, neues Glück“, denke ich mir und gehe zur Rezeption. Ich erkläre der Rezeptionistin, so gut es meine Russischkenntnisse erlauben, den Sachverhalt: „Ich brauche für die chinesische Botschaft eine Bestätigung dass ich hier Gast bin, mit Stempel und Unterschrift, keine große Sache!“ Sie antwortet: „Ich habe keine Schreibmaschine, ich habe keinen Computer, außerdem stellen wir keine Bestätigungen aus, das haben wir bis jetzt nie gemacht und ich bin dazu nicht autorisiert, ich könne aber am Montag mit ihrem Vorgesetzten darüber sprechen…“ Ich erkläre noch einmal, ohne Bestätigung kein Visum, es sei ganz einfach, sie könne es auch von Hand schreiben. Die Antwort: „Njet!“ Mein letzter Versuch: ich sage, ich sei auch bereit zu bezahlen, ich brauche die Bestätigung dringend, ohne Bestätigung könne ich nicht weiterreisen, ich würde 20 Dollar (immerhin der tadschikischer Monatslohn eines Lehrers!) bezahlen – wieder „Njet!“ Eine junge Tadschikin hört unser Gespräch und wohl aus Mitleid sagt sie auf Englisch: „Du hast doch sicher ein paar Freunde in Duschanbe, die sollen die Bestätigung für dich schreiben, dann kommst du wieder und kannst sie stempeln lassen.“
Ich laufe durch die Straßen von Duschanbe, wütend und gleichzeitig fühle ich mich machtlos. Nein, ich habe keine Freunde in Duschanbe! Ich überlege mir mehrere Szenarien: Übersetzungsbüros sind nicht zu finden, Reisebüros haben über das Wochenende geschlossen, dass mir ein anderes Hotel die Bestätigung ausstellt ist höchst zweifelhaft, genausowenig scheint ein Hotelwechsel erfolgversprechend – kurzum, ich stecke in einer Sackgasse! Eine Lösung bleibt übrig: die Bestätigung selbst schreiben! Gedacht, getan: mit meinem Laptop gehe ich in ein türkisches Restaurant mit W-LAN, bestelle einen Dönerteller und beginne mit der Arbeit. Zuerst die Rohfassung auf Englisch, ich überarbeite sie und achte dabei, dass ich nur den Nominativ verwende. Dann die Übersetzungsarbeit ins Russische. Auf zwei Papierservietten skizziere ich die russische Tastaturbelegung, ich brauche Stunden für die Schreibarbeit. Es wird schon dunkel als ich das Restaurant verlasse. Ein Internetcafé auf dem Heimweg kann meine Bestätigung ausdrucken. Ich komme zurück ins Hotel, die gleiche Rezeptionistin sitzt immer noch an der Rezeption. Vorsichtig übergebe ich ihr mein Formular. Ohne es vollständig zu lesen erteilt sie Stempel und Unterschrift. Pobeda!

I almost spend one week in Dushanbe, applying and waiting for my Chinese visa. I stay at hotel Vakhsh, a place that conserved much of its Soviet charm!

Hotel Wachsch / hotel Vakhsh

Hotel Wachsch / hotel Vakhsh

Hotel Wachsch / hotel Vakhsh

Selbstportrait mit Spiegel / self portrait with mirror

Hotel Wachsch / hotel Vakhsh

Hotel Wachsch / hotel Vakhsh

Hotel Wachsch / hotel Vakhsh

Hotel Wachsch / hotel Vakhsh

Hotel Wachsch / hotel Vakhsh

Hotel Wachsch / hotel Vakhsh

Meine Zimmertüre im Hotel Wachsch / door to my room in hotel Vakhsh

Ballettoper, neben dem Hotel Wachsch / ballet opera, next to hotel Vakhsh

Rudaki-Statue / Rudaki monument

Nahe bei der Rudaki-Statue / near Rudaki Monument

Milizionäre sind am Rudaki Prospekt omnipräsent (Photo: Ian Ferguson) / the Militsiya is omnipresent at Rudaki Avenue (photo: Ian Ferguson)

Ich stehe am Somoni-Denkmal und mache ein Photo vom Innenministerium und der Hauptpost, da werde ich schon von zwei bewaffneten Milizionären herbeigewunken. Beide sitzen im Schatten, tragen eine AKS-74U um den Hals und verlangen nach meinem Ausweis. Ich übergebe meine Pass- und Visakopie dem näher sitzenden Beamten. Dieser nimmt seine Tellermütze ab und kratzt sich am Kopf, bevor er meine Kopien in die Mütze legt und diese wieder aufsetzt! Ich müsse Strafe zahlen, meint er, das Photographieren von Regierungsgebäuden sei verboten, 20 Dollar, dann könne ich gehen. Ich möchte nicht bezahlen, 20 Dollar, ein astronomischer Betrag für Tadschikistan! Ich sage, ich käme aus Österreich, einem gebirgigen Land, aber nicht so gebirgig wie Tadschikistan. Ich erzähle, der höchste Berg Österreichs sei nur halb so hoch wie der höchste Berg in Tadschikistan, der Ismoil Somoni ex Pik Stalin ex Pik Kommunismus! Ich ziehe alle Register: ich erzähle von Kühen in Österreich und Ratten im Hotel in Duschanbe. Meine Strafe wird auf 20 Somoni reduziert. Ich sage, mein Reisepass befinde sich auf der chinesischen Botschaft und wie schön die neue Straße sein, insbesondere der Tunnel bei Anzob. Fünf Minuten später habe ich meine Kopien wieder.

The militsiya aked for 20 dollars for this picture!

Internetcafé am Rudaki-Prospekt / internet café at Rudaki Avenue

Rudaki-Prospekt / Rudaki Avenue

Objekt der Begierde: Abholschein für mein chinesisches Visum!

Object of desire: pick-up form for my Chinese visa!

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